Einmal rund um Gotland

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August 2015. Mann ist das dunkel hier! Irgendwo da hinten, keine 50 weiter hinter den Bäumen liegt laut GPS die Steilküste Nordwestgotlands. Als ich den Motor der CCM450 ausmache und der Scheinwerfer den Parkplatz vor mir nicht mehr ausleuchtet, sehe ich die Hand vor Augen nicht mehr. Erst nach ein Paar Minuten sind die Pupillen ganz offen und es erscheinen die ersten Sterne am Nachthimmer. Hier will ich zelten, am Ende einer Stichstrasse direkt an der herrlichen Küste der schwedischen Ostseeinsel Gotland.

Der Plan für dieses lange Wochenende im Spätsommer 2015 ist, so weit wie möglich die Insel einmal zu umrunden und dabei so nahe an der Küste zu bleiben, wie (legal) möglich. Damit sich das Wochenende auch lohnt, habe ich die letzte Fähre am Freitag abend genommen, aber die kommt eben erst kurz vor Mitternacht in Visby, der Hauptstadt Gotlands an. Dann mußte ich nochmal gut 45 Minuten fahren, bis ich zu dieser tollen Übernachtungsstelle kam, die ich vor vielen Jahren einmal entdeckt habe. Immerhin, mein geografische Gedächtnis ist offenbar hervorragend und mit Hilfe von Google Maps und Luftbildern konnte ich dieses Ende einer Stichstrasse wirklich wiederfinden und auf dem GPS markieren. Nach fünf Minuten steht das Zelt und eine viertel Stunde später liege ich im kuscheligen Schlafsack und bin weg…

Samstag morgen gegen 6 – die Sonne ist da! Ich bin ja zum Glück ziemlich morgenmunter, also raus aus der Tüte, mit einer Handvoll der 2 Liter Wasser die ich dabei habe die Morgenwäsche erledigen und dann Kaffee machen – und das direkt oben auf der Kante der Steilküste! Die Aussicht könnte besser nicht sein, da merkt man gar nicht mehr so sehr daß Nescafe nicht wirklich schmeckt. Vor allem lohnt sich das frühe Aufstehen wegen dem herrlichen Morgenlicht!

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Schon gegen 8:00 bin ich startklar, der junge Tag will genutzt werden und ich rolle zurück zu Hauptstrasse um dann so bald wie möglich auf kleine Wege entlang der Küste abzubiegen. Und ich bin sehr positiv überrascht, wie wenige Wege hier ein „Durchfahrt verboten“ Schild haben! Bei Hallshuk muss ich ein bisschen rumprobieren, bis ich die richtige Fahrspur finde, aber zu meiner Überraschung finde ich mehrmals Traktorwege ohne Verbotsschild, außerhalt von Naturschutzgebieten, die direkt an der Strandkante entlang führen. Die Vogelbrutzeit ist auch zu Ende, weit und breit niemand zu sehen, keine Vegetation die Schaden nehmen könnte – was spricht also dagegen hier lang zu fahren? Nichts!

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Der Nordenosten Gotland wäre für mich als Nicht-Schweden noch vor 20 Jahren unzugänglich gewesen. Damals war ein großer Teil der Insel militärisches Sperrgebiet und bis auf die Hauptstrasse zur vorgelagerten Insel Fårö für Ausländer gesperrt. Das Militär musste sich aufgrund der Sparmassnahmen – und weil man damals nach dem Fall der Sovjetunion im Osten keine Bedrohung mehr sah, im Prinzip komplett aus Gotland zurückziehen. Nur noch eine kleine 500 Mann starke „Amateursoldaten“-Truppe der Heimwehr gibt es hier heute noch. Jetzt mehren sich die Stimmen die Fragen, wie man eine so dermaßen strategisch wichtige Insel, den erste Außenposten Schwedens in der Ostsee, so völlig ohne militärischen Schutz lassen kann. Manch fürchten sogar, Putins Truppen könnten die Insel im Handstreich besetzten, Flugabwehr auf Gotland stationieren und damit die gesammte Ostsee sperren, bevor man sich die baltischen Staaten wieder einverleibt. Ich hoffe wirklich daß es nie so weit kommt. Vielerorts findet man aber auch heute noch Spuren der langen Militärgeschichte Gotlands.

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Natürlich setze ich auch mit der Fähre über nach Fårö, dem Teil Gotlands (der eigentlich eine eigene Insel ist) den viele für den schönsten halten. Auch hier finde ich Wege, die nur wenige Meter vom Strand entfernt durch den Wald führen und halte mehrmals um „Raukar“, eigenwillige Kalksteinformationen direkt am Strand zu besuchen. Und auch einige alte militärische Anlagen liegen am Weg, teilweise mittlerweile umgewandelt zu Konferenzhotels.

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Schliesslich finde ich auch ein herrliches Plätzchen zum Übernachten, auf der Insel Furilden an der Ostseite Gotland, die über einen Damm mit der Hauptinsel verbunden ist. Direkt am Strand bin ich völlig ungestört. Und ein netter Mensch hat mir sogar noch etwas Brennholz hinterlassen, so dass ich am Abend den mitgebrachten Rotwein am Lagerfeuer geniessen kann.

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Besonders faszinierend ist ein stillgelegte Kalksteinbruch. Regenwasser und Grundwasser füllen hier mehrere Gruben, man kann mehrere Meter tief bis zum Grund schauen. An anderen Stellen ist das Wasser aber gerade mal einige Dezimeter tief – mit perfekten Badetemperaturen.

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Irgendwann spätestens am zweiten Tag steht aber fest: Gotland ist viel zu groß, um die Insel an zwei Tagen umrunden zu können, wenn man die kleinsten gerade noch fahrbaren Wege an der Küste nimmt. Nach also etwas mehr als einer halben Inselumrundung biege ich in’s Landesinnere ab, denn am Stätnachmittag geht die Fähre auf’s Festland. Ich muss also irgendwann wiederkommen, um den südlichen Teil Gotlands in Angriff zu nehmen. Hoffentlich schaffe ich das, bevor die Russen kommen…

 

Visby - auch immer einen Stop wert, wegen der Altstadt...
Visby – auch immer einen Stop wert, wegen der Altstadt…
...und den herrlichen Aussichten! :-)
…und den herrlichen Aussichten! :-)

Juni 2016: Putin ist wohl doch ein einigermaßen vernünfiger Mensch, Gotland ist noch immer Teil Schwedens. Das Wochenende des schwedischen Nationalfeiertags am 6.Juni bietet sich geradezu an für Teil 2 meiner Schwedenumrundung. Diesmal habe ich Fähre bereits mit Erscheinen des Sommerfahrplanes gebucht (ich glaube das war im März!), denn später ist es fast unmöglich einen Platz zurück mit Fahrzeug am letzten Tag eines langen Wochenendes zu einer vernüftigen Tageszeit zu bekommen. Diesmal klappts!

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Und so stehe ich am Freitag Abend wieder am Fährhafen in Nynäshamn. Diesmal bin ich aber einen Monat später dran, näher an Midsommar wo die Nächte nicht mehr richtig dunkel werden und deshalb finde ich ohne Probleme die gleiche Übernachtungsstelle wieder, direkt an der Steilküste.

Allerdings fahre ich dann nach dem obligatorischen Frühstück an der Klippe an Visby vorbei nach Süden. Kurz südlich von Visby liegt der Truppenübungsplatz Tofta Skyttfält, aber der ist leider wegen Übungen (mit scharfer Munition?) zur Zeit für die Allgemeinheit gesperrt. Ende Oktober findet hier aber eines der größten Endurorennen weltweit statt, das Gotland Grand National mit meistens über 2000 Teilnehmern und mehreren Tausend Zuschauern. Vielleicht schaue ich mir das dieses Jahr auch mal wieder an?

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Egal, es gibt auch hier im Süden Gotland genügend kleine Wege und ich bin äußerst positiv überrascht, dass mir wieder so wenige „Durchfahrt verboten!“ Schilder den Weg versprerren. Gut, ab und zu lande ich in einer Sackgasse, nicht immer sind Garmins Karten akkurat, hier hilft dann die topografische Karte, die ich neben City Navigator auf dem GPS geladen habe.

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Da ja ganz Gotland ein einziges großes Kalksteinplatau ist, das seit der letzten Eiszeit aus dem Meer aufsteigt, kann man an vielen Stellen am Strand noch die alten Uferlinien sehen. Und auch die bizarren Steinformationen, genannt Raukar, die heute viele Meter über dem Meeresspiegel liegen, müssen irgendwann mal von den Wellen aus dem Fels gemeisselt worden sein. Hier einige Raukar im Südwesten Gotlands:

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Für die zweite Übernachtung finde ich wieder eine herrliche Stelle direkt am Strand, fast an Gotland Südspitze bei Sundre.

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Am zweiten Fahrtag geht es jetzt an der Ostseite nach Norden. Irgendwann werde ich dann auf meine Route vom vorigen Jahr treffen und damit die Runde vollenden.

Mal genau hinhören, was auf der anderen Seite der Ostsee los ist...!
Mal genau hinhören, was auf der anderen Seite der Ostsee los ist…!

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Dass es vielleicht nicht immer so gut ist, dem GPS blind zu vertrauen zeigt sich am Nachmittag, als ein in der digitalen Karte eingezeichneter Weg mit jedem Meter langsam mehr verschwindet. Zum Glück hat es längere Zeit nicht geregnet, denn diese Traktorspur geht auf quasi Null Meter über NN direkt durch eine Wiese mit hüfthohem Grass direkt am Strand entlang. Hier ist schon länger keiner mehr gefahren! Mit einer schwereren Maschine wie z.B. einer 1200GS hätte ich schon längst umgedreht (leicht gesagt….) aber die CCM mit ihren gerade mal 160kg vollgetankt bekomme ich hier problemlos durch.

Das GPS behauptet hier wäre ein Weg!
Das GPS behauptet hier wäre ein Weg!
Uraltes Gemäuer: Bauernhof Kattlunds
Uraltes Gemäuer: Bauernhof Kattlunds
Hügelgrab bei Ronehamn
Hügelgrab bei Ronehamn
Leuchtturm Näsholmen
Leuchtturm Näsholmen

Gotland bietet auch für geschichtlich interessierte Besucher einiges. Eindrucksvoll ist die Ringwallanlage Torsburgen. Mehrere Kilometer lang hat man hier zu vorgeschichtlichen Zeiten einen mehrere Meter hohen Steinwall aufgeschüttet. Wie haben die das damals gemacht?

Ringwall Trosburgen
Ringwall Trosburgen

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Mein Nachtlager schlage ich wieder auf der Insel Furilden auf. Allerdings ist es heute so enorm windig, dass ich einige Zeit suchen muß, bis ich eine Stelle am Strand finde, bei der nicht die Pasta vom Löffel geblasen wird!

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Tag 3. Die Fähre geht wieder am Spätnachmittag, ich muss also gegen 16.00 in Visby sein. Deshalb lasse ich diesmal Fårö, die vorgelagerte Insel nördlich von Gotlands Hauptinsel aus und fahre ziemlich bald rüber zur Nordwestseite.

Noch mehr Raukar...
Noch mehr Raukar…

Der Rückweg nach Visby geht dann zunächst noch einmal nahe am Strand entlang, dann aber biege ich in’s Landesinnere ab, denn hier gab es mal eine Bahnlinie, die noch zum Teil befahrbar ist. Mit dem Bau des Flugplatzes von Visby wurde allerdings der letzte Teil beseitigt, aber immerhin kann ich von Tingstäde bis zum Flugplatz fast komplett auf dem alten Bahnwall fahren. Tingstäde ist übrigens militärhistorisch sehr interessant, denn rings um die Stadt existieren noch heute die Reste von Forts, die Anfang des 20ten Jahrhunderts gebaut wurden. In der alten Garnisson, mitten in der Stadt, läuft heute am Nationfeiertag eine feierliche Zeremonie, allerdings interessieren mich mehr die frisch gebackenen Zimtschnecken und eine gute Tasse Kaffee.

Nationaldags-Feier in Tingstädte
Nationaldags-Feier in Tingstäde

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Das Timing passt, am Nachmittag bin ich wieder in Visby. Aber ein Programmpunkt darf nicht fehlen: Eis essen im Hafen von Visby! Als ich dort mein Motorrad zwischen vielen perfekt geputzten Bikes parke bin ich richtig stolz: meine CCM 450 ist mit Abstand das dreckigste Bike, so wie es sich für ne abenteuerliche Enduro gehört!

So muss ne Enduro aussehen!
So muss ne Enduro aussehen!

Fazit: Gotland ist einfach Klasse! Obwohl ich mal irgendwo gelesen habe, Gotland wäre der Verwaltungsbezirk mit dem geringsten Anteil an Schotterstrassen in ganz Schweden, gibt es hier doch (noch) fantastische Möglichkeiten zum Motorradfahren im „Adventure Style“. Hoffen wir, daß es noch lange so bleibt! Gotland mit seinen Kalksteinfelsen, der oftmals kargen Natur und dem allgegenwärtigen Meer ist immer wieder eine Reise wert. Ein ganz anderes Schweden!

 

Hejdå Visby!
Hejdå Visby!