Der Abenteuer-Knigge

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Zum Thema Verkehrsrecht gibt es ein eigenes Kapitel, hier geht es mehr um die ungeschriebenen Regeln und andere Gesetze!

Verkehrsrecht

Allemansrätten = Jedermannsrecht In Schweden gilt es als ungeschriebenes Gesetzt aus uralten Zeiten, dass man sich fast vollkommen frei in der Natur bewegen kann. Zum Beispiel ist es zu Fuss gestattet, auch privates Land zu überqueren, nicht aber das direkte Umfeld eines Wohnhauses oder Gehöftes. Zelten für eine Nacht ist zulässig, auch ohne das Einverständnis des Landeigentümers vorher einzuholen, wenn dies ausserhalb der Sichtweite von Häusern geschieht. Sofern es die Wetterlage ohne Sicherheitsbedenken zulässt, darf auch ein Lagerfeuer entzündet werden. Sollte allerdings im Sommer erhöhte Waldbrandgefahr herrschen, ist dies nicht gestattet. Ausgiebige Infos zum Allemansrätten gibts auf der Seite der Naturschutzbehörde:

Naturvårdsverket

Während das Jedermannsrecht also gewisse Freiheiten zugesteht, ist damit auch eine hohe Verantwortung verbunden. Man fährt nicht abseits der Wege, man macht kein Feuer auf Felsplatten (die dann platzen) und löscht das Feuer wieder gewissenhaft. Man lässt keinen Müll liegen. Und wer „mal muss“, hinterlässt keinen Tretminen, sondern vergräbt seine Hinterlassenschaften. Halten sich alle an diese eigentlich selbstverständlichen Grundregeln werden wir uns noch lange in der herrlichen schwedischen Natur frei bewegen können.

Aber wer ist eigentlich Grundeigentümer in schwedischen Wäldern? Grösster einzelner Grundbesitzer ist das Staatsunternehmen Sveaskog mit 3.3Mio Hektar Wald, Vorstandsvorsitzender ist der ehemalige Staatsminister Göran Persson!

Wildes Zelten: Es ist also vielerorts möglich, an einem einsamen See ein stilles Plätzchen für eine Nacht im Zelt zu finden. Vielerorts wurden Windschutzhütten und Feuerstellen für Angler eingerichtet, die in der Regel gerne benutzt werden können. Die Wasserqualität der meisten schwedischen Seen ist hervorragend, oftmals Trinkwasserqualität. Ich würde aber trotzdem sicherheitshalber einen Wasserfilter oder Entkeimungstabletten empfehlen.

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Offroad-Fahren Kurz gesagt: Is‘ nicht!!! Das Fahren mit Motorfahrzeugen (also auch mit dem Motorrad) beschränkt sich auf Wege. Querfeldeinfahren ist nur im Winter bei ausreichender Schneedecke, die Vegetationsschäden verhindert, mit dem Motorschlitten gestattet. Dies ist im Terrängkörningslagen (dem Gesetzt zum Fahren im Gelände) unmissverständlich festgelegt. Als „Weg“ gilt dabei alles, was zum an Fahrspuren zum Zwecke des Befahrend mit Fahrzeugen angelegt wurde. Wanderwege sind da ausdrücklich ausgenommen!

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„Durchfahrt Verboten“ Ja, ich gestehe, ich nehme solche Schilder nicht immer ernst! Geht der Weg nicht grad mitten durch einen Bauernhof oder ein Privatgrundstück, fahre ich schon mal weiter. Allerdings tue ich das nicht, wenn ich eine Gruppe führe, denn während ein Motorradfahrer alleine noch toleriert wird, stören Gruppen schon wesentlich mehr. Begegne ich dann Anwohnern, Spaziergängern oder anderen Wegmitbenutzern wird besonders rücksichtsvoll und langsam gefahren und manchmal halte ich auch für ein Schwätzchen und nehme dafür auch den Helm ab. Das es auch ohne Verbotsschilder geht, sieht man z.B. in der Orsa Finmark, dort stehen Schilder „Waldweg – Hindernisse und Gefahren können vorkommen!“. Damit ist der Grundeigentümer aus der Verantwortung. Viele Waldwege wurden durch Steuermittel mitfinanziert, deshalb ist das Recht des Grundbesitzers den Weg eingenmächtig zu sperren durchaus umstritten. Ich fordere hiermit ausdrücklich NICHT dazu auf, solche Schilder zu ignorieren!

Ein anderes umstrittenes Thema ist auch das Umfahren von Schlagbäumen, die leider auch immer häufiger auftauchen. Wo kein Kläger, da kein Richter – und einige Bekannte vom BMW Klub haben mir erklärt, dass die Wege oftmals vor allem im Frühling abgesperrt sind, um Schäden durch Autos und schwerere Fahrzeuge zu vermeiden, solange der Belag noch nicht abgetrocknet ist. Andererseits wurde ich aber auch einmal im Herbst von einem Naturschutzbeauftragten angehalten und freundlich aber nachdrücklich aufgefordert, mich wieder hinter den Schlagbaum zu verziehen. Schade, es handelte sich doch um einen befestigten Fahrweg im Fjäll und oberhalb der Baumgrenze wäre die Aussicht sicherlich wunderbar gewesen…!

Andere Wege(mit)benutzer Viele Menschen empfinden ein sich näherndes Motorrad als Bedrohung, vor allem umso mehr Krach es macht. Deshalb montiere ich kein extralautes „Sport“abgassystem, sondern behalte meine schweren sauheissen Serientüten an der KTM. Leider sehen dies nicht alle Motorradfahrer so. Generell gilt natürlich auf allen schmalen Wegen: Geschwindigkeit stark reduzieren, sobald Fussgänger, Radfahrer, Kinder und vor allem Pferde (dazu weiter unten mehr) auftauchen. Freundliches Winken, egal zu Kindern oder auch Erwachsenen, wird dann oftmals erwiedert! Beschleunigt wird erst mit grossem Sicherheitsabstand, damit niemand von fliegenden Steinen getroffen wird. Ausserdem ist IMMER auf ALLEN Wegen mit Begegnungsverkehr und Wildtieren zu rechnen. Gerade heute, am Tag an dem ich dies schreibe, sprang erst ein Elchbulle keine 50m vor mir über den Weg und wenige Minuten später begegnet mir in einer Kurve ein Sattelschlepper auf dem Weg zur Baustelle einer Hochspannungsleitung. Vor allem Holztransporter sind immer (auch Sonntags!) und überall unterwegs, denn die Fahrer werden nach Menge und Kilometern bezahlt. Elche wiegen 250-450kg, welche Folgen ein Aufprall für einen Motorradfahrer hat, kann sich jeder denken!

Pferde sehen Motorradfahrer oftmals als direkte Bedrohung und reagieren mit ihrem natürlichen Fluchtverhalten. Reiten ist ein beliebter Freizeitsport in Schweden. Sobald Pferde auf einem Fahrweg auftauchten ist ÄUSSERSTE Vorsicht und Augenkontakt mit dem Reiter angesagt. Ich reduziere das Tempo extrem und behalte das Pferd genau im Auge, eventuell versuche ich mit gezogener Kupplung langsam daran vorbei zu rollen. Scheut das Pferd dann oder wirkt unruhig: Killschalter, Anhalten und Kommunikation mit dem Reiter! Ich bin zwar der Meinung, dass ein verantwortungsvoller Reiter sein Pferd nur dann auf öffentlichen Wegen reiten sollte, wenn es auch mit den dort vorkommenden anderen Verkehrsteilnehmern klar kommt. Was ich aber nicht will sind böse Schlagzeilen in der Boulevardpresse: „Motorradfahrer verursacht schweren Reitunfall!“ oder so…

Elchjagd Die Zeit der Elchjagd ist für grosse Teile der männlichen (und auch 5% der weiblichen) Bevölkerung Schwedens eine fünfte Jahreszeit – und zwar die wichtigste! Im Jämtland bekommt man den Eindruck wirklich alle Jungs und Männer wären mit ihren orangen Warnmützen im Wald unterwegs. In der nördlichen Hälfte Schwedens beginnt die Elchjagd am ersten Montag im September, in der südlichen Hälfte am ersten Montag im Oktober. Man nimmt zwei, drei Wochen Urlaub, versammelt sich zu Jagdgemeinschaften (Jaktlag) und ist solange draussen, bis entweder die Elchquote erfüllt ist oder die Jagdzeit zu Ende. Elchjagd ist wichtiger als Weihnachten, Ostern und Opas Geburtstag – zusammengenommen! Jedes Jahr werden etwa 80.000 Elche geschossen. Leider sehen in dieser Zeit die Jäger den Wald als alleine IHREN Wald an und durchfahrende Motorradfahrer sind da nicht unbedingt beliebt. Egal wer im Recht ist, es lohnt sich auf ein Schwätzchen anzuhalten und die Lage zu klären, bevor man den Jägern auf Ansitz in die Quere kommt, im Zweifelsfall macht man besser einen Rückzieher und nimmt man einen Umweg in Kauf. Die Jagdlobby ist in Schweden enorm stark (ca 300.000 Jäger auf 270.000 Elche!) , Imageschäden für Motorradfahrer sind unbedingt zu vermeiden! Und Vorsicht: oftmals sind Jagdhunde freilaufend im Wald unterwegs, die der Jäger per GPS Sender verfolgen kann. Und so einen möchte man absolut nicht anfahren, das gibt mächtig Ärger!

Trotz allem: viel Spass!